Wie lange dauert es, bis man integriert ist?

Fragen auf einen veröffentlichten Artikel in einer Zeitschrift und meine Antworten unter einem Pseudonym:

Wie lange dauert es, bis man integriert ist?
„Herrn Victor Schluff
Schon seit Jahren komme ich immer wieder nach Pattaya auf Urlaub. Das Leben ist hier sehr angenehm und preiswert, auch habe ich hier keine körperlichen Probleme. Ich bin jetzt 47 Jahre alt und bekomme eine gute Unfallrente, von der ich in Thailand viel besser leben kann, als in Deutschland. Bevor ich nun aber in Deutschland meine Zelte abbreche und nach Thailand umsiedle, möchte ich von Ihnen erfahren, wo man am besten lebt, um möglichst viele Kontakte zu haben, wie lange es so im Durchschnitt dauert, bis man in Thailand und bei den Thai integriert ist und was man dafür tun muss. Auch wenn ich sicher bin, jederzeit ein hübsches Mädchen zu finden, möchte ich nicht auf gesellschaftliche Kontakte und kulturelle Veranstaltungen verzichten. Kann ich vielleicht als Fernmeldetechniker noch einen Nebenjob oder eine andere Arbeit finden? Es ginge mir dabei nicht um’s Geld, sondern nur um eine angenehme Beschäftigung und um die Unterhaltung. Über eine baldige Antwort würde ich mich freuen und
verbleibe als Ihr
Joachi“,
meine Antwort:
„Joachim E.
über meine Antwort werden Sie sich gar nicht freuen: Sie werden in Thailand nie integriert sein. Aber sie werden in Thailand leben können.
Integriert sind auf der ganzen Welt Personen, die den Menschen in ihrer Umgebung als nützlich erscheinen, genauso wie diese aussehen, sprechen, denken und handeln und die gleiche Herkunft haben. Mit anderen Worten: Integriert sind einzelne Personen innerhalb einer Gruppe, wenn sie sich so wenig wie möglich von dieser unterscheiden, den Idealen der Gruppe entsprechen und als nützlich angesehen werden.
Als Gruppe, in die man sich integrieren könnte, gibt es ‘die Thai’ ebensowenig, wie ‘die Deutschen’. Sie waren auch in Deutschland nicht bei ‘den Deutschen’ integriert, sondern höchstens in einer bestimmten Bevölkerungsschicht, einer sozialen Gruppe, wie etwa bei Arbeitern, Politikern oder Bauern, Gewerkschaftlern, Jazzfans, Kegelbrüdern, Fußballfans, Nachbarn, Kirchgängern, Parteifreunden, Neonazis oder Goldfischzüchtern, etc. Der Bewohner eines Schrebergartens ist in einem Villenviertel ebensowenig integriert, wie der Bewohner einer Luxusvilla in einer Schrebergartensiedlung, letzterer wird nur mehr beneidet.
Wenn Sie sich überlegen, wer Sie sind und was Sie wollen, haben Sie immerhin die Möglichkeit, sich eine Umgebung auszusuchen, in die Sie hineinpassen, wo sie möglichst wenig auffallen. Aber mit Ihren Knopfaugen und der großen Nase wird das schwierig und in Thailand wird einem fremden Aussehen und einer fremden Herkunft noch wesentlich mehr Gewicht beigemessen, als in Deutschland, wo sich Asiaten auch nur sehr schwer integrieren können. Es wird auch schwierig, den gleichen Dialekt zu erlernen, den die Leute in Ihrer neuen Umgebung sprechen, mit ihnen Witze auszutauschen, über die Kunst des Beherrschens der vielen Geister, die richtige Deutung der Träume und das Herausfinden der garantiert glückbringenden Lottozahlen zu diskutieren. Schon das traditionsgebundene Verhalten, das Essen derselben Speisen mit denselben Eßmanieren könnte Ihnen Schwierigkeiten bereiten. Selbst einem Thai aus einer entfernten Provinz bereitet es erhebliche Schwierigkeiten, sich in einer anderen Provinz, einer anderen thailändischen Umwelt zu integrieren.
Vergessen wir also die Integration. Aber Sie können sich die Achtung in einer thailändischen Umgebung erwerben und akzeptiert werden. Das ist davon abhängig, wieweit man an ihrem Verhalten erkennen kann, dass Sie die Menschen in ihrer Umgebung achten und akzeptieren und sich wie diese verhalten, vor allen Dingen auch abhängig davon, wie weit Sie sich verständlich machen können und wieweit Sie als nützlich oder hilfreich, also als ‘guter Mensch’ angesehen werden.
Akzeptiert zu werden, ist insbesondere in der Provinz nicht schwierig. Allerdings müssen Sie dann dort wie die Menschen in Ihrer Umgebung leben, und zwar mit einer Familie oder zumindest mit einer Frau aus diesem Ort. Sie werden dann statusmäßig zunächst dieser Familie oder dieser Frau zugeordnet und anschließend zunehmend danach beurteilt, wie Sie sich verhalten, wieweit sie freundlich, höflich und vor allen Dingen für ihre Gemeinde oder zumindest deren Oberhäupter nützlich sind.
In einer Stadt wie Bangkok oder Pattaya fallen Sie am wenigsten auf, dafür werden Sie dort auch am wenigsten integriert. Sie fallen dem zum Opfer, was man in Thailand so gerne als ‘Toleranz’ rühmt. Doch in Wirklichkeit sieht man sie gar nicht. Man kann nicht tolerieren, was man nicht sieht. Diese thailändische ‘Toleranz’ ist in Wirklichkeit zwischen Desinteresse und Apathie anzusiedeln. Nur die allerwenigsten Thai aus anderen Gegenden schaffen es, sich hier zu integrieren. Dafür ist es in einer Stadt auch nicht so wichtig, geachtet oder akzeptiert zu werden, was in einem Dorf die Voraussetzung ist, um dort leben zu können. In einer Stadt ist es nur erforderlich, das nötige Kleingeld für einen mittelprächtigen Lebensstandard zu haben und möglichst wenige Menschen zu belästigen. In Bangkok oder Pattaya wird man sich in jedem Fall denkbar wenig um Sie kümmern, man wird sie kaum beachten und man wird Sie auch alles tun lassen, was Ihnen paßt, solange Sie niemand ernsthaft stören. Sie sind hier ohne jede Bedeutung, sofern sie nicht gerade Geld geben.
Sie werden Sie in einer thailändischen Stadt auch denkbar wenige Freunde haben, vielleicht einige freundliche Nachbarn, wenn Sie zu denen freundlich sind. Sie werden vielleicht sogar eine Art ‘Stammkneipe’ finden, irgendeinen Ort in einer Bar oder vor einem Lebensmittelladen, an dem man sie kennt und nicht dauernd Ladydrinks, Einladungen, Ausgaben oder direkt Geld von Ihnen verlangt, weil Sie irgendein reicher Farang sind. Vorausgesetzt, dass man Sie als eine einzelne, bekannte und soziale Person einstuft. Nein, Sie werden in Thailand nie integriert sein und nie viele Freunde haben. Aber, wieviele haben Sie denn in Deutschland?
Sie können in Thailand Ihre Insel finden. Damit meine ich nicht ein Stück Land im Meer, sondern eine Insel für Ihr privates Leben. Sie können eine thailändische Frau finden, die mit (und von) Ihnen leben will. Sie können ein oder zwei thailändische Bekannte oder eine Familie finden, mit denen Sie sich hin und wieder treffen (und je mehr Sie diese Treffen finanzieren, desto öfter können sie stattfinden).
Selbstverständlich gibt es auch noch sehr viele Ausländer, viele Deutsche in den Städten und es gibt überhaupt keine Probleme, diese zu finden und zu treffen. Aber fast alle Europäer, die in Thailand leben, haben irgendeine Macke. Warum können sie nicht in ihrem Land leben, dort wo sie großgeworden sind und sich auskennen? Sicher, die einen haben kein Land, in dem sie großgeworden sind, die nächsten haben gesundheitliche Probleme oder eine zu geringe Rente, womit sie in Europa Schwierigkeiten haben, wieder andere haben ein zu einnehmendes Wesen und müssen deswegen öfters die Umgebung wechseln, andere werden zu viel von hübschen Mädchen gesucht und wieder andere von der Polizei, manche sind unumgänglich und wieder andere noch dümmer, etc. pp. Es kommt nicht darauf an, Urteile über die jeweilige Macke zu fällen, sondern herauszufinden, welche Macken Sie am wenigsten stören. Sie werden die meisten der hier lebenden Ausländer kaum für eine nähere Freundschaft in Betracht ziehen, aber es liegt wohl auch an Ihnen, ob Sie hier einen oder zwei Menschen finden, mit denen Sie sich öfter einmal treffen können. Ganz so, wie auch in Deutschland, auch wenn dort mehr Deutsche leben.
Das ‘Paradiesische’ an Thailand ergibt sich aus dem angenehmen Klima, den (nach dem Geldwechsel) niedrigen Preisen, der Toleranz (und Gleichgültigkeit) der Bevölkerung Ausländern gegenüber, der jederzeit möglichen Versorgung durch ein hübsches Mädchen oder eine nette Frau (falls das Geld dazu reicht) und vor allen Dingen aus Ihren eigenen Erwartungen und Ihrem Verhalten, behauptet
Ihr Victor Schluff“

Ohne Kommentar

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