Muu sucht ihr eigenes Leben

Ein kleiner Auszug aus dem Buch:

„Die Entwicklung des Menschen in der frühesten Kindheit und die Grundlagen gemeinsamen Lebens werden oft übersehen. Die hier geschilderten Erfahrungen sind sehr selten, zeigen aber Wege und Möglichkeiten des Verständnisses als auch deren übliche Grenzen.
Die Geburt war ohne Komplikationen verlaufen. Die kamen erst nach dem Beginn des Lebens. Als sie nachhause kam, warteten bereits vier Geschwister auf sie, die ältesten zwei waren Schwestern im Alter von acht und sieben Jahren, die Brüder waren fünf und vier Jahre alt und nun waren sie fünf. Als ihr Vater sie das erste Mal sah, meinte er, sie sähe aus wie ein kleines Ferkel, deswegen würde man sie ihr Leben lang ,Muu‘ rufen, ,Schwein‘, was aber in Thailand als ein schöner Name gilt, da ein Schwein ein sehr friedliches und vor allen Dingen schmackhaftes Tier ist. Ihren richtigen Namen sollte sie von den Großeltern bekommen.
Die Eltern waren mit der Folge der Kinder sehr zufrieden. Nicht etwa, weil sie die Kinder geplant hätten, schließlich ist es ja normal, dass verheiratete Leute Kinder bekommen, da braucht man ja nichts zu planen. Sie waren zufrieden, dass zwischen den älteren Schwestern und den jüngeren Brüdern ein guter Zeitabstand war. Wenn die Söhne alt genug waren, um in die Schule zu gehen, würden sie die Mädchen von der Schule nehmen, dann hätten sie immerhin schreiben und lesen gelernt. Das Einkommen der Eltern würde sicherlich nicht reichen, um mehr als zwei Kinder zur Schule zu schicken, das wäre im Dorf auch völlig unüblich, gab es doch sogar eine Reihe von Kindern, die nie in die Schule gingen.
Da sie aber nur zwei Söhne hatten, würden sie wohl mit den Kosten zurechtkommen. Es galt als selbstverständlich, dass die Mädchen auf den Reisfeldern mitarbeiten und dann irgendwann einen Jungen aus dem Dorf oder vielleicht aus einem Nachbardorf heiraten, der sie zu ernähren hatte und man war sicher, dass sie nicht viele Schulbildung brauchten. Die Arbeit auf dem Feld und im Haushalt würden sie schon zuhause lernen und mehr brauchten Frauen nicht zu kennen, wenn sie in einem Dorf in der Provinz Buriram geboren waren. Sie würden gute Ehefrauen sein, die auf dem Feld arbeiten, saubermachen und kochen konnten und fähig waren, Kinder zu kriegen.
Die Eltern, die einige kleine Felder nicht weit weg von der kambodschanischen Grenze hatten, waren selbst nicht zur Schule gegangen und sie hielten die Schule auch nicht für wichtig. Sie waren während der kambodschanischen Bürgerkriegswirren geboren, als Soldaten und Rebellen, Feuergefechte und Flüchtlinge immer wieder über die Grenze kamen. Sie selbst hatten oft vor Bewaffneten flüchten müssen oder sich während der Grenzkämpfe in Bunkern versteckt. Da war die Schule kein vorrangiges Problem gewesen und sie hatte au keinem von ihnen helfen können. Es gab auch nur wenige Schüler und der Unterricht war spärlich gewesen.
So hatten die Eltern nur etwas schreiben und lesen gelernt und die wenigen Tage, die sie in der Schule gewesen waren, hatten sie nicht in guter Erinnerung. Sie sahen aber ein, dass es gut war, wenn ihre Kinder zur Schule gingen, denn schließlich sollten sie ja später dafür sorgen, dass die Eltern im Alter etwas zu essen haben und dass es ihnen gut ging. Das war eine Selbstverständlichkeit, so wie es bei ihnen auch selbstverständlich war, dass der Vater aus einem Nachbardorf gekommen und nach der Hochzeit bei den Eltern seiner Frau eingezogen war, um mit ihr zusammen für ihre Eltern zu sorgen. Denn sie war die jüngste Tochter und diese hat immer die Pflicht, sich persönlich um ihre Eltern zu kümmern, und wer die jüngste Tochter heiratet, der weiß, dass er diese Pflicht mit übernimmt. Im Lauf der Jahre war der Großvater gestorben und sie brauchten sich nur die Großmutter zu versorgen und sich um sie zu kümmern, in deren Haus sie nun lebten.
So erlebte Muu ihre ersten Jahre vorwiegend in der Gegenwart ihrer Geschwister und der Großmutter, wenn die Eltern auf die etwas größeren Felder gingen, die weiter entfernt waren. Als sie drei Jahre alt war, gingen ihre zwei Brüder schon zur Schule und so war sie meistens in der Obhut ihrer beiden Schwestern, für die sie wohl eher eine lästige Pflicht darstellte, als eine brauchbare Spielgefährtin. Sie störte beim Spielen, sie kam beim Nachlaufen nicht mit, verstand viele Spiele nicht und war ganz einfach zu klein, um irgendetwas mit ihr anfangen zu können.
Vielleicht geschah es aus Langeweile, vielleicht auch nur, um zu demonstrieren, wie viel grösser und klüger sie waren, als die Schwestern ihr einige Buchstaben aus dem thailändischen Alphabet beibrachten, wie sie es in der Schule gelernt hatten. Zu dieser Zeit war Moo noch keine vier Jahre alt. Sicher war es ein Zufall, dass sie eines Tages vor dem Haus saß und mit einem Stöckchen Buchstaben in den Sand malte, als die Eltern sich mit Nachbarn zu einem kleinen Schwätzchen zusammensetzten. Die Aufregung war groß, als man sah, dass die kleine Muu schreiben konnte.
Sicher war es kein Roman, den sie da schrieb, aber es waren doch immerhin einzelne Worte mit zwei und sogar mit drei Buchstaben.
Es war ein Ereignis für das ganze Dorf, indem man ohnehin alles als Sensation betrachtete, was etwas aus dem Alltagstrott hinausragte. Muu bekam viel Aufmerksamkeit und Zuneigung und man beschäftigte sich mit ihr sehr lange. Auch an den nächsten Tagen kamen die Eltern mit Nachbarn vorbei und Muu musste immer wieder Worte schreiben. Nun hatte sie ein Mittel gefunden, Aufmerksamkeit zu bekommen. Sie konnte etwas tun, was andere als gut bezeichneten und sie bekam dafür Zuneigung. Es war selbstverständlich, dass sie jetzt noch mehr Buchstaben und Worte lernen wollte und die Schwestern halfen ihr bereitwillig, denn ein Teil der Aufmerksamkeit erreichte ja auch sie als die Lehrerinnen. Und auch die Brüder beteiligten sich und zeigten Moo, was sie in der Schule lernten. Sie hatten ja sonst nicht viele Möglichkeiten, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen und dafür auch noch bewundert zu werden, wie es Muu bei diesem Unterricht aus vollem Herzen ausgiebig tat.
Muu galt bald als besonders begabtes und intelligentes Kind, was auch darauf zurückzuführen war, dass man in ihrem Dorf Suai sprach, eine dem kambodschanischen Khmer verwandte Sprache, die nicht geschrieben wird, während die Schüler in der Schule Thai sprechen und schreiben lernten. Die kleine Muu konnte nach Ansicht der Dorfbewohner schon mit vier Jahren eine Fremdsprache schreiben. Selbst der Lehrer aus dem größeren Nachbardorf, in dem die Schule war, kam eines Tages vorbei. Er ließ Muu einige Worte schreiben und war erstaunt. Er versprach, sich dafür einzusetzen, dass Muu ein Jahr früher in die Schule gehen konnte und dass sie vielleicht eine finanzielle Unterstützung bekommt, nachdem die Eltern sagten, dass sie die Kosten für den Schulbus und das Schulgeld für drei Kinder nicht aufbringen können, denn das waren für jeden Schultag und jedes Kind, das in die Schule ging, zehn Baht, für drei Kinder also gut die Hälfte des elterlichen Einkommens.
Die Zeit verging und sah Muu jeden Tag Buchstaben schreiben und neue Worte lernen. Es war das einzige Spielzeug, das sie hatte, aber es brachte ihr viel Zuneigung und Aufmerksamkeit. Es sah so aus, als wenn Muus Zukunft schon gesichert wäre, doch dann kam alles ganz anders. Die Mutter war wieder schwanger und erwartete Zwillinge. Bei der Geburt gab es Komplikationen. Die Zwillinge kamen gesund auf die Welt, doch die Mutter musste im Krankenhaus bleiben. Sie wurde nicht wieder gesund und starb kurz nach der Geburt. Für den Vater war dies ein schwerer Schlag. Er war ein ruhiger, zurückhaltender Mensch, dem nun sein Lebenspartner, sein Antrieb fehlte. Er war aus der Bahn geworfen. Er konnte nicht alleine die Felder bestellen und die Kinder versorgen. Dazu hatten die hohen Kosten für das Krankenhaus und für die Beerdigung die wenigen Ersparnisse verbraucht und Schulden verursacht, die er nun bezahlen musste. Das größte Problem bestand aber darin, dass nun die Mutter seiner verstorbenen Frau ihm die Schuld am Tod der Tochter gab, ihn als Mörder bezeichnete und ihm das Leben zur Hölle machte. Sie wollte ihn jetzt nicht mehr in ihrem Haus sehen.
Muu konnte sich später nur noch daran erinnern, dass die Mutter nicht wiederkam, dass die Schwestern sich mit den Säuglingen beschäftigten, dass es im Haus viel Streit und Zank gab und dass der Vater anfing, zu trinken. Die großen Schwestern versuchten so gut es ging, die Hausarbeit zu verrichten, aber sie hatten viele Probleme mit der Großmutter. Der Vater war nur noch selten zuhause und wenn er einmal kam, schimpfte er, sprach unverständliches Zeug und legte sich schlafen.
Dann erinnerte sie sich daran, dass eines Tages viele Leute kamen, die sie nicht kannte, von denen es aber hieß, sie gehörten zur Familie. Es hieß, der Vater könnte sie nicht versorgen. Eine Familie nahm die zwei Schwestern mit, weil die schon bei der Arbeit auf dem Feld und im Haushalt helfen konnten, die Brüder kamen in ein Kloster, weil man sich dann nicht um sie kümmern musste und sie dort weiter zur Schule gehen konnten und was mit den Säuglingen geschah, erfuhr sie nicht mehr, weil sie von einer Familie nach Sisaket mitgenommen wurde. Es hieß, die hatten eine Tochter, die eine Spielgefährtin gebrauchen konnte. Sie fuhren gleich ab, während der Vater auf dem Fußboden lag und schlief. Die Versammlung der Verwandten hatte sich nicht groß um ihn gekümmert. Für sie war er der Familienvater, der sich nicht um seine Familie kümmerte und sich entschieden hatte, sein Leben als Säufer zu fristen.
Es dauerte nicht lange, bis Muu begriff, dass sich ihr Leben vollständig geändert hatte. Man machte ihr klar, dass sie keine Eltern mehr hatte und nicht zur Familie gehört, dass man sie nur aus Mitleid mitgenommen hat.“

Es ist eine Geschichte die in einem meiner Bücher erschienen ist.

Es gibt viele Menschen, die sich den Preis für ein Taschenbuch nicht leisten können, durch die geringe Seitenzahl ist dieses Buch weit günstiger als dies in der Regel der Fall ist.

Dieses Buch findet man bei Amazon als E-Book € 2,99 und als Taschenbuch € 7,27. Kostenlos wenn man bei Amazon Unlimited hat. Günstiger ist nicht möglich. Der Ertrag aller meiner Bücher kommt zu 100 % armen Kindern in Thailand zu Gute.

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